Prävention und Biomarker: Was sich messen lässt, lässt sich verbessern

Prävention und Biomarker: Was dich messen lässt, lässt dich verbessern

Lesezeit: ca. 9 Min. · Niveau: Fortgeschritten · Aktualisiert: Mai 2026

Das chronologische Alter sagt wenig darüber aus, in welchem biologischen Zustand dich ein Körper befindet. Zwei Personen gleichen Alters können dich um 10 oder mehr Jahre „biologisches Alter“ unterscheiden – mit entsprechenden Konsequenzen für Risiko und Lebenserwartung. Biomarker liefern objektive Anhaltspunkte für die individuelle Standortbestimmung.

Was sind Longevity-Biomarker?

Biomarker sind messbare biologische Parameter, die mit Gesundheit, Krankheitsrisiko oder Alterungsprozessen korrelieren. Du reichen von einfachen Blutwerten über bildgebende Verfahren bis hin zu fortgeschrittenen epigenetischen Analysen. In der Longevity-Praxis lassen dich folgende Kategorien unterscheiden:

  • Etablierte klinische Marker (Lipidprofil, Glukose, HbA1c)
  • Erweiterte metabolische und inflammatorische Marker (hsCRP, Homocystein, Apolipoprotein B)
  • Hormonelle Marker (Schilddrüse, Insulin, IGF-1)
  • Funktionelle Marker (VO2max, Greifkraft, Lungenfunktion)
  • Bildgebende Verfahren (Koronar-Calcium-Score, Ganzkörper-MRT)
  • Fortgeschrittene „epigenetische Uhren“ und Mikrobiom-Profile

Die wichtigsten Blutwerte – und was sie aussagen

Glukosehomöostase

Nüchternglukose und HbA1c sind Basismarker, aber bereits „normale“ Werte am oberen Ende des Referenzbereichs (HbA1c 5,4–5,6%) zeigen ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes und kardiovaskuläre Ereignisse. Die HOMA-IR (Insulinresistenz-Index) liefert sensitivere Frühinformation. Kontinuierliche Glukosemessung (CGM) ergänzt das Bild durch postprandiale Variabilität.

Lipidprofil – über LDL hinaus

Klassische Lipide (Gesamtcholesterin, LDL, HDL, Triglyceride) bleiben relevant, sind aber durch nuanciertere Marker zu ergänzen:

  • Apolipoprotein B (ApoB): Misst die Anzahl atherogener Partikel und gilt als stärkerer Prädiktor als LDL-C allein (Sniderman et al., 2019).
  • Lipoprotein(a): Genetisch determinierter unabhängiger Risikomarker für Atherosklerose. Einmalige Messung im Leben sinnvoll.
  • Triglyceride/HDL-Ratio: Indirekter Hinweis auf metabolische Gesundheit.

Entzündungsmarker

Hochsensitives CRP (hsCRP) ist ein etablierter Marker chronischer Inflammation. Werte <1 mg/L gelten als günstig, >3 mg/L als erhöht. Ergänzend können IL-6, TNF-α und Ferritin Inflammationsbilder schärfen.

Hormonelle Achsen

TSH, freies T3/T4 zur Schilddrüsenfunktion. Cortisol-Tagesprofil bei Verdacht auf Dysregulation der HHN-Achse. IGF-1 als Marker des Wachstumshormon-Systems. Bei Männern Testosteron-Gesamt/-Frei, SHBG, bei Frauen kontextabhängig Sexualhormone.

Mikronährstoffe

Insbesondere relevant: Vitamin D 25-OH, Vitamin B12 (Holo-Transcobalamin), Folat, Magnesium, Ferritin, Eisen-Status, Zink, Selen, Omega-3-Index.

Praxistipp: Ein erweitertes Basis-Blutbild alle 12 Monate, ergänzt um spezifische Marker bei Auffälligkeiten oder Risikofaktoren, liefert eine solide Standortbestimmung. Wichtig: Werte immer im klinischen Kontext interpretieren.

Epigenetische Uhren – das biologische Alter

DNA-Methylierungsmuster verändern dich mit dem Alter in vorhersagbaren Mustern. Aus diesen Mustern lassen dich biologische Altersangaben ableiten. Bekannte Uhren sind die Horvath-Uhr, die Hannum-Uhr, PhenoAge und die GrimAge-Uhr (Horvath & Raj, 2018). Die GrimAge-Uhr zeigt die stärkste Assoziation mit Mortalität und morbiditätsfreier Lebensspanne.

Wichtig zu wissen: Epigenetische Tests sind ein interessantes Forschungsfeld, ihre klinische Bedeutung im Individualfall ist noch begrenzt. Du ergänzen, ersetzen aber nicht die etablierten klinischen Marker.

Bildgebende Präventionsdiagnostik

Koronar-Calcium-Score (CAC)

Eine kurze CT-Untersuchung quantifiziert verkalkte Plaques in den Koronararterien. Ein CAC von 0 schließt das Vorliegen relevanter Atherosklerose mit hoher Wahrscheinlichkeit aus; höhere Werte zeigen kardiovaskuläres Risiko und können therapeutische Entscheidungen modifizieren (Greenland et al., 2018).

Ganzkörper-MRT

Strahlenfrei, kann Tumore, Aneurysmen und andere strukturelle Auffälligkeiten in frühen Stadien detektieren. Diskussion über Inzidentalome (Zufallsbefunde ohne klinische Konsequenz) ist relevant – eine MRT sollte gezielt und gut indiziert eingesetzt werden.

Funktionelle Tests

Oft unterschätzt: Funktionelle Marker sagen viel über Gesundheitszustand und Lebenserwartung aus.

  • VO2max-Test: Goldstandard der kardiorespiratorischen Fitness.
  • Greifkraft: Einfach messbar, starker Mortalitätsprädiktor.
  • Gehgeschwindigkeit: Vor allem im Alter ein robuster Prognosefaktor.
  • Einbeinstand > 10 Sekunden: Korreliert in Studien mit Mortalität bei älteren Erwachsenen.

Wie strukturiere ich meinen Präventions-Check?

Eine sinnvolle Reihenfolge:

  1. Erweitertes Blutbild: alle 12 Monate, mit Lipidprofil inkl. ApoB, hsCRP, Glukose/HbA1c, Schilddrüse, Vitamin D, Ferritin.
  2. Lipoprotein(a): einmalig im Leben.
  3. VO2max-Test: alle 12–24 Monate.
  4. CAC-Score: ab dem 40. Lebensjahr bei intermediärem kardiovaskulärem Risiko, einmalig oder im Verlauf.
  5. Hautcheck, Zahncheck, geschlechtsspezifische Vorsorge: nach Leitlinien.
  6. Optional fortgeschritten: CGM-Phase, epigenetische Uhren, Mikrobiom-Analyse.

Quellen

  1. Greenland, P., Blaha, M. J., Budoff, M. J., Erbel, R., & Watson, K. E. (2018). Coronary calcium score and cardiovascular risk. Journal of the American College of Cardiology, 72(4), 434–447. https://doi.org/10.1016/j.jacc.2018.05.027
  2. Horvath, S., & Raj, K. (2018). DNA methylation-based biomarkers and the epigenetic clock theory of ageing. Nature Reviews Genetics, 19(6), 371–384. https://doi.org/10.1038/s41576-018-0004-3
  3. Sniderman, A. D., Thanassoulis, G., Glavinovic, T., Navar, A. M., Pencina, M., Catapano, A., & Ference, B. A. (2019). Apolipoprotein B particles and cardiovascular disease: A narrative review. JAMA Cardiology, 4(12), 1287–1295. https://doi.org/10.1001/jamacardio.2019.3780

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